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    Friedensweg am Ostermontag 2017 in Friedrichshafen

    Hunderte von OstermarschiererInnen setzen sich in Friedrichshafen für eine Kultur des Friedens ein

    Mehr als 800 Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Bodensee-Friedensweg am Ostermontag, 17. April in Friedrichshafen. Hauptredner Andreas Zumach kritisiert die vorherrschende Kriegslogik und ruft zum gewaltfreien Widerstand auf.

    Während bundesweit in über 90 Städten die traditionellen Ostermärsche für den Frieden stattfanden, versammelten sich am Ostermontag in Friedrichshafen am Bodensee über 800 Menschen – soviele wie letztes Jahr im schweizerischen Romanshorn – zum bereits 9. grenzüberschreitenden Friedensweg in der Tradition dieser Ostermärsche unter dem Motto «Von der Kriegslogik zu einer Friedenskultur». Frauen, Männer und Kinder aus dem Vorarlberg, aus den deutschen Anwohnerorten am Bodensee und eine starke Delegation aus der Schweiz, die am Mittag mit der Fähre von Romanshorn in Friedrichshafen eingetroffen war, bewegten sich von der Anlegestelle in einem bunten Zug durch die Stadt und versammelten sich zur Abschlusskundgebung am Adenauer Platz vor dem Rathaus.

    Dort hielt Andreas Zumach, bekannter Friedensaktivist und UNO-Korrespondent aus Genf, eine Grundsatzrede zu «Friedenskultur entwickeln – die zentrale Herausforderung für uns alle». Zumach, der schon jahrzehntelang in der Friedensbewegung aktiv ist, kann sich nicht erinnern, je an Ostern so eine spannungsgeladene internationale Krisensituation vorgefunden zu haben. Er formulierte fünf Punkte als Voraussetzung, um eine Kultur des Friedens entwickeln zu können. Erstens erinnerte er daran, dass nur hartnäckige Beharrlichkeit zu Fortschritten führt. Der erste Ostermarsch gegen die atomare Aufrüstung fand nämlich vor 64 Jahren in Grossbritannien statt. Nun haben kürzlich die Verhandlungen in der UNO zu einem Abkommen über ein vollständiges Verbot aller Atomwaffen begonnen – ein grosser Erfolg der Beharrlichkeit der Friedensbewegung. Dabei kritisierte er die deutsche Bundesregierung und andere Länder, die unter fadenscheinigen Begründungen nicht an diesen Verhandlungen teilnehmen. Die deutsche Zurückhaltung führt er darauf zurück, dass sie die Option einer eigenen atomaren Bewaffnung im Rahmen europäischer Verteidigungspolitik offenhalten will.

    Zweitens fordert er eine grundsätzliche Bereitschaft zum Dialog mit allen, die an kriegerischen Konflikten beteiligt sind. Als Beispiel nennt er den früheren nordkoreanischen Diktator Kim Il Sung, mit dem seinerzeit die US-Regierung einen Nichtangriffspakt abgeschlossen hatte. Anstatt mit Drohungen auf das heutige Atomwaffenprogramm der Nordkoreas zu reagieren, sollte man deeskalieren und mit der Regierung verhandeln. Eine solche Dialogbereitschaft sollte man selbst gegenüber dem Islamischen Staat üben, auch wenn dies heute also noch fast unmöglich erscheint. Denn der Krieg gegen den Terrorismus ist weitgehend gescheitert. Drittens postuliert Zumach, einen klaren Kopf zu behalten – beispielsweise in Syrien, wo erst klar ermittelt werden sollte, ob die syrische Regierung tatsächlich Giftgas eingesetzt hat. Es gibt zwar einige Indizien dafür, aber noch keine Beweise. Eine UNO-Untersuchungskommission sollte dies klären. Dabei richtet sich Zumach nicht nur an die westlichen Regierungen, sondern appelliert auch an alle MedienkonsumentInnen, vorsichtig bei der Weiterverbreitung von Informationen zu sein. «Gebt euch mindestens drei Stunden Zeit, bevor ihr Likes weiterverbreitet, nehmt euch Zeit dafür, die Quelle jeder Information zu eruieren».

    Viertens postuliert Zumach, dass die Friedensbewegung glaubwürdig bleibt und niemals einäugig urteilt. Verstösse gegen das Völkerrecht der westlichen Regierungen sollten ebenso kritisiert werden wie diejenigen anderer Mächte, beispielsweise der russischen im Falle der Annexion der Krim. Als letzten Punkt ruft Zumach zu mehr Widerstandsfähigkeit gegen die unfriedlichen Entwicklungen auf. Friede heisst nicht Friede, Freude, Eierkuchen, sondern es ist wieder mehr gesellschaftlicher Streit nötig, um den sicherheitspolitischen Konsens aufzubrechen. Wir bräuchten heute wieder vermehrt provokativen, gewaltfreien Widerstand in allen Formen. Als konkretes Beispiel nennt er die Verweigerung von Bürgern, sich an der Kriegsfinanzierung zu beteiligen, indem sie den Anteil des Militärs an den Steuern nicht bezahlen. Nur mit phantasievollem Widerstand können wir uns aus der Logik des Kriegs zu einer des Friedens hin bewegen.

    Zuvor hatten sich an drei Stationen am Friedensweg drei Frauen zu aktuellen Friedensfragen geäussert. Anne Rieger vom Bundesausschuss Friedensratschlag in Kassel betonte in ihrem Beitrag, dass die Rüstungskonversion, also die Umwandlung von Rüstungsproduktion in zivile Güterherstellung, die Schwester der Abrüstung sei. Statt noch mehr Waffen zu produzieren und exportieren, statt weiter masssiv aufzurüsten, wie es die deutsche Bundesregierung plant, sollte in gesellschaftlich nützliche Arbeit und Projekte investiert werden. Claudia Haydt von der Tübinger Informationsstelle Militarisierung forderte zivile Konfliktlösungen statt Rache und immer wieder Rache. Krieg sei die denkbar schlechteste Antwort auf Konflikte und Gewalt, zivile Konfliktlösungen seien sehr wohl möglich, um die Spirale von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen. Die Schweizer Nationalrätin Claudia Friedl aus St. Gallen beschäftigte sich vor allem mit der aktuellen Lage in der Türkei nach der gestrigen Zustimmung zur autoritären Verfassung Erdogans. Als kürzliche Beobachterin in den kurdischen Gebieten forderte sie die türkische Regierung auf, alle politischen Häftlinge freizulassen, Demokratie und Rechtssstaatlichkeit wieder herzustellen, die Repression gegen das kurdische Volk zu stoppen und den Krieg in der Osttürkei und Syrien zu beenden.

    Zum diesjährigen Internationalen Bodensee-Friedensweg hatten mehr als 60 kirchliche, soziale und friedenspolitische Organisationen aus der Schweiz, Österreich und Deutschland aufgerufen, darunter Amnesty, der Versöhnungsbund, Pax Christi und der Schweizerische Friedensrat. Nachdem der frühere Leiter der vorbereitenden Spurgruppe, Arne Engeli aus der Schweiz, letztes Jahr zurückgetreten war, stand die Vorbereitungsgruppe erstmals unter der Leitung des Lindauer Frieder Fahrbach.

    von Peter Weishaupt