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    Ein Österlicher Pilgermarsch im St. Galler Rheintal

    Pilgerweg entlang der alten Rheingrenze zwischen der Schweiz und Österreich.

    Pilgerweg entlang der alten Rheingrenze zwischen der Schweiz und Österreich.

    Am Ostermontag 2009 führt der erste Bodensee-Friedensweg an Schauplätze des Unrechts im St. Galler Rheintal. Entlang der alten Rheingrenze zwischen Österreich und der Schweiz gedenken mehr als 300 Menschen der lange verdrängten Geschehnisse. Der Friedensweg-Initiator Arne Engeli erinnert sich.

    Von Arne Engeli

    Am Anfang stand die Anfrage von Ueli Wildberger, ob es nicht angebracht wäre, im UNO-Jahr der Versöhnung der Entlassung des St. Galler Polizeihauptmanns Paul Grüninger vor 70 Jahren mit einer Mahnwache zu gedenken. Er und andere HelferInnen waren damals ihrem Gewissen gefolgt und hatten 1938/39 trotz Grenzschliessung Hunderte (wohl über 3000) von jüdischen Flüchtlingen zur glücklichen Flucht in die Schweiz verholfen. In dunkler Zeit hatten sie vorbildlich gehandelt. Solche Zivilcourage ist auch heute wieder nötig angesichts der hartherzigen, ja oft unmenschlichen Asylpolitik, fanden wir. Bei der Vorbereitung stand deshalb fest, dass wir auch zur gegenwärtigen Situation Stellung beziehen wollen.

    Es entwickelte sich bald die Idee eines Pilgerweges, beginnend am Alten Rhein bei Diepoldsau mit dem Fluchtort Rohr, dann weiter zum Ausschaffungsgefängnis in Widnau, zum Grab von Paul Grüninger in Au mit einer Abschlussveranstaltung zum Thema Zivilcourage. Zu den verschiedenen Stationen unterwegs baten wir zwei Zeitzeugen aus dem Vorarlberg, den Autor Jörg Krummenacher („Flüchtiges Glück“) und Ruth Roduner, die Tochter von Paul Grüninger, uns über das Zeitgeschehen zu informieren. Zwei vom Solidaritätsnetz Ostschweiz waren bereit, uns die heutige Asylpraxis vor Augen zu führen. Wir waren sehr glücklich, als uns dann auch alt Bundesrätin Ruth Dreifuss ihre Teilnahme zusagte. Als Termin wählten wir den Ostermontag, den traditionellen Tag der Ostermärsche.

    Am Anfang waren wir noch wenige

    Wir, das war eine gut gemischte Spurgruppe von sieben, acht Leuten. Es gelang uns, als Mit­träger 30 Organisationen aus dem kirchlichen und friedenspolitischen Bereich zu gewinnen. Besonders engagierten sich bei der Bekanntmachung des Anlasses Amnesty International in der Vierländer-Region am Bodensee, das Forum für Friedenserziehung, das Forum Solidarität und Spiritualität (welches die Administration übernahm) und das Solidaritätsnetz Ostschweiz. Als Hauptspon­sor stieg der Erwachsenenbildungsfonds der evangelisch-reformierten Kirchen SG und AR ein, grosszügige Gastgeber waren in Widnau und Au die lokalen Kirchgemeinden.

    Um für die zu benützenden öffentlichen Verkehrsmittel im Rheintal und für die Verpflegung in Au einen Anhaltspunkt zur Anzahl Teilnehmenden zu haben, baten wir um eine Anmeldung. Unsere Erwartungen wurden weit übertroffen. Am Ostermontag, einem warmen, frühlingshaften Tag, mussten wir in Heerbrugg zum regulären Kurs zwei Extrabusse aufbieten, welche die 330 Pilgernden, alt und jung, zum Zoll nach Diepoldsau brachten. Weitere kamen in Au dazu. Für Gehbehinderte hatten wir einen Tixi-Kleinbus im Einsatz.

    Der Flyer für den Friedensweg. (Klicken zum Lesen oder herunterladen)

    Der Flyer für den Friedensweg. (Klicken zum Lesen oder Herunterladen)

    Die erste Gedenktafel am alten Rhein

    Es war ein wunderschönes Bild, wie sich, zum Teil auf beiden Seiten des Alten Rheins, die Pilgerscharen durch den Auenwald schlängelten, angeführt von einzelnen Friedensfahnen und Transparenten. Am Rohr, wo wir nach einem Picknickhalt von der Vorarlberger auf die Schweizer Seite wechselten, wurde eine Gedenktafel angebracht, die erste überhaupt, die im Rheintal an die Flüchtlingsdramen jener Jahre erinnert. Insgesamt waren wir fast fünf Stunden (die Hälfte davon reine Marschzeit) unterwegs, plaudernd, zuhörend, schauend, berührt von den Geschichten und Menschen, bis wir pünktlich in Au eintrafen und uns dort nochmals während zwei Stunden an Leib, Seele und Geist stärken konnten.

    Insbesondere beeindruckte uns Ruth Dreifuss durch ihren Aufruf zur Zivilcourage, die notfalls auch Ungehorsam beinhalten kann, aber auch durch ihre bescheidenes und offenes Dasein und Mitmarschieren vom Morgen bis zum Abend.

    „Das Vorgehen ist einfach unglaublich“

    Lokale und regionale Presse und Kirchenboten, auch das voralbergische und süddeutsche Fernsehen und Radio, berichteten über diesen gelungenen Anlass. Aus dem angedachten bescheidenen Pilgerweg war ein veritabler Ostermarsch, oder was uns am besten gefiel, ein „österlicher Pilgermarsch“ geworden. Verschiedene begeisterte Rückmeldungen von Teilnehmenden erreichten uns in den folgenden Tagen, zum Beispiel diese:

    „Wir waren sehr beeindruckt von der Organisation des Gross-Anlasses. Super, wie ihr die verschiedenen Wegstrecken geleitet und immer wieder auf die geschichtlichen und politischen Zusammenhänge hingewiesen habt. Es war zutiefst berührend, an den Orten des tragischen Geschehens zu stehen und nahe der Fluchtwege unterwegs zu sein. Wichtig fand ich auch die Hinweise und Beispiele zur heutigen Situation von Asylsuchenden. Das Vorgehen in unserem Lande ist einfach unglaublich, und in den umliegenden Ländern ebenfalls. Dabei geht doch ihr Wohl uns alle an – wir gehören alle zur einen globalen Familie! Unsererseits ein herzliches Dankeschön für Euer Engagement“.

    Mut sammeln an Kraftorten

    Bereits denken wir einen österlichen Pilgermarsch für nächstes Jahr an. In Heiden wird der 100. Todestag von Henri Dunant und im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen der 100. Geburtstag von Walter Robert Corti gefeiert. Das könnte doch Anlass sein, an diesen „Schauplätzen“ ihrer und weiterer Menschen zu gedenken und an diesen „Kraftorten“ Mut zu tanken für das, was wir anpacken wollen.

     

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