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    „Unrecht und Zivilcourage verjähren nicht“

    "Couragiert – damals und heute": Am 13. April 2009 führt der Friedensweg zur alten Rheingrenze.

    „Couragiert – damals und heute“: Am 13. April 2009 führt der Friedensweg zur alten Rheingrenze.

    Beim grössten Ostermarsch der Ostschweiz haben am Montag, 13. April 2009, rund 350 Menschen im St. Galler Rheintal gegen die umstrittene Fluüchtlingspolitik der Schweiz im zweiten Weltkrieg und für eine menschenwürdige Asylpolitik demonstriert. Ex-Bundesrätin Ruth Dreifuss rief die Bevölkerung zu mehr Mut und Zivilcourage auf. 

    Von Wolfgang Frey

    „Unrecht verjährt nicht und Zivilcourage auch nicht“, sagte Dreifuss mit Blick auf die zahlreichen Fluchthelfer, die vor und während des zweiten Weltkrieges entgegen der offiziellen Schweizer Politik Tausende jüdischer Flüchtlinge ins Land liessen und sie so vor dem sicheren Tod in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten in Österreich und Deutschland bewahrten.

    Erinnerung an Paul Grüninger

    Dreifuss und die Ostermarschierer aus der Schweiz, Österreich, Deutschland und Liechtenstein erinnerten am Montag an den St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger, der als einer der prominentesten Fluchthelfer der Ostschweiz gilt. Im Sommer 1938 setzte er sich über die regierungsamtlich verordnete Schweizer Grenzschliessung für jüdische Flüchtlinge hinweg und wurde deswegen im Frühjahr 1939 fristlos und unehrenhaft aus dem Dienst entlassen.

    Dreifuss sagte, Grüninger habe der „Bürokratie des Todes“ jenseits der Grenze eine „Bürokratie des Lebens entgegengesetzt, in dem er etwa zugunsten der Flüchtlinge Dokumente gefälscht habe: „Er hat sein Gewissen und seine Menschlichkeit über die Befehle der Behörden gestellt.“ Leider habe er seine Rehabilitation ebenso wie viele andere Fluchthelfer nicht mehr erlebt.

    „Unrecht geschieht immer wieder“

    Dreifuss, deren Vater Sidney Dreifuss sich in der Kriegszeit als Leiter der St. Galler Flüchtlingshilfe für die jüdischen Flüchtlinge aus dem Gebiet des Deutschen Reichs einsetzte, erinnerte daran, dass „auch in einer Demokratie immer wieder Unrecht“ geschehe. Mit Blick auf die „leider, leider immer strengere Schweizer Flüchtlingspolitik“ der Gegenwart rief sie zu mehr Zivilcourage in der Gesellschaft auf.

    Dreifuss erinnerte daran, dass heute zahlreiche Menschen, gerade auch aus Lateinamerika oder von den Philippinen, in der Schweiz eine „wichtige Arbeit“ vor allem in Familien leisteten. Leider seien sie oft seit zehn oder mehr Jahren quasi „rechtlos“ und müssten täglich mit der Angst vor der Ausweisung leben. Im Rheintal, an einer Grenze, wo vor 70 Jahren 100 Meter über Leben und Tod entschieden, sei dies besonders eindrücklich erlebbar.

    „Die dunkle Seite der Geschichte“

    „Es ist wichtig, die dunkle Seite der eigenen Geschichte in Erinnerung zu behalten“, unterstrich Ueli Wildberger vom Organisationskomitee des Ostermarsches. Die offizielle Schweiz habe damals Menschen in den Tod geschickt. Die inoffizielle Schweiz habe dagegen Zivilcourage gezeigt und vielen Flüchtlingen das Leben gerettet. Dass viele Fluchthelfer erst heute, siebzig Jahre später, rehabilitiert wurden, zeige, wie schwierig es sei, dieses düstere Kapitel der Schweiz abzuschliessen.

    Der von 30 kirchlichen und friedenspolitischen Organisationen aus der Ostschweiz und dem benachbarten Ausland organisierte Pilgerweg „Couragiert – damals und heute“ führte am Montag von Diepoldsau an der Rheingrenze entlang über das Ausschaffungsgefängnis in Widnau und das Grab Paul Grüningers bis nach Au.

    Gedenktafel enthüllt

    Am „Alten Rohr“, einem der Hauptfluchtorte zur Zeit des zweiten Weltkrieges, wurde eine Tafel zum Gedenken an die jüdischen Flüchtlinge enthüllt, die sich dort über den alten Rhein in die Schweiz retten konnten. Die Metalltafel erinnert auch „an Menschen, die trotz Verbot ihrem Gewissen folgend ihnen über die Grenze halfen“ und „Verfolgte die nach der Grenzschliessung in den sicheren Tod geschickt wurden“.

    Es ist die bislang einzige Tafel dieser Art, die am Rhein an die Flüchtlingsschicksale zur Zeit des zweiten Weltkriegs erinnert. Gestiftet wurde sie von der Ortsgemeinde Schmitten.

    Mehr als 300 Leben gerettet

    In den Jahren vor, während und nach dem zweiten Weltkrieg gelangten gut 70 000 Menschen über die Grenze im Rheintal in die Schweiz, die allermeisten in den letzten Kriegswochen. Allein der zivile Ungehorsam des Polizeihauptmanns Paul Grüningers rette Schätzungen zufolge mehr als 3000 Menschen das Leben.

     

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