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    Auf den Spuren von Krieg und Flucht

    Der Friedensweg 2010 führte nach Heiden, im Gedenken an den Rot-Kreuz-Gründer Henry Dunant.

    Der Friedensweg 2010 führte nach Heiden, im Gedenken an den Rot-Kreuz-Gründer Henry Dunant.

    Rund 200 Menschen haben am Ostermontag 2010 im Appenzell für Frieden und gegen die Unmenschlichkeit des Krieges demonstriert. Im Zentrum stand das Wirken des Rot-Kreuz-Gründers Henry Dunant.

    Von Wolfgang Frey

    Die Theologin und Autorin Yvonne Steiner würdigte den Wandel Henry Dunants vom „Royalisten“ , „Kolonialisten“ und „uneingeschränkten Bewunderers Kaiser Napoleon III“ zum überzeugten Pazifisten. „Die Franzosen brachten für ihn die Welt der Zivilisation; dass sie es mit kriegerischen Mitteln taten, störte ihn zu diesem Zeitpunkt nicht“, sagte Steiner am Montag in Heiden, wo Henry Dunant die letzten 23 Jahre seines Lebens verbrachte. Dunant habe den französischen Kaiser gar für den „Wegbereiter des Gottesreichs“ gehalten – bis der Geschäftsmann aus Genf selbst mit den Schrecken des Krieges konfrontiert wurde.

    Umdenken auf dem Schlachtfeld

    Es war das Schlachtfeld von Solferino, dass ihn zum Nachdenken brachte. Als er am Abend des 24. Juni 1859, auf dem Weg zu einem Treffen mit Napoleon, daran vorbeikam, lagen dort nach den Kämpfen der je 150 000 Mann starken Truppen Österreichs gegen die von Piemont-Sardinien und Frankreich noch immer rund 40 000 Verwundete, Sterbende und Tote. „Er sah das Leiden und er half spontan“, sagte Steiner, die derzeit an einer Biographie über den Friedensnobelpreisträger arbeitet. „Das führte ihn zu der Idee der freiwilligen Hilfsgesellschaften für Verwundete im Krieg, dem heutigen Roten Kreuz.“ Den Grundstein dafür legte Dunant 1863 in Genf.

    „Phantasten und Utopisten“

    Max Daetwyler, Ehrenmitglied des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) und Sohn des gleichnamigen Friedensaktivisten aus Arbon am Bodensee, erinnerte daran, dass Dunant den Krieg lange noch als notwendiges Übel betrachtet hatte. Menschen, wie sein Vater, der bei der Mobilmachung zum ersten Weltkrieg 1914 den Fahneneid verweigerte und dafür in die Psychiatrie eingewiesen wurde, habe Dunant zunächst noch für „Phantasten und Utopisten“ gehalten, da sie den Krieg resolut ablehnten, sagte Daetwyler, der zugleich Grüsse des IKRK-Präsidenten Jakob Kellenberger überbrachte.

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    Der Flyer 2010. (Klicken zum Lesen oder Herunterladen)

    „Nicht schlafen sollt ihr“

    Die Dunant-Biographin Steiner sagte, in seiner Zeit im Appenzellerland habe Dunant nach verschiedenen schweren Brüchen in seinem Leben schliesslich „eindeutig Stellung für den Frieden“ bezogen. „Nicht schlafen sollt ihr – euch nicht in schönen Träumen wiegen“, zitierte sie den Rot-Kreuz Gründer. „Es heisst ringen und mit aller Tatkraft für die Friedenssache ringen.“

    Gedenktafel für Catharina Sturzenegger

    In Dunants letzten Jahren traf er häufig mit der Lehrerin und Friedensaktivistin Catharina Sturzenegger zusammen, die ab 1884 die Poststelle in Wolfhalden führte. Wolfhaldens Gemeindepräsident Max Koch enthüllte am Montag eine provisorische Gedenktafel für die Mitstreiterin Dunants, die nach der Renovation der Fassade an der reformierten Kirche befestigt werden soll.

    Eine „Steh-auf-Frau“

    Karin Weber, Lehrerin aus Heiden, würdigte die aus armen Verhältnissen stammende und 1929 in Zürich gestorbene Sturzenegger als eine „Steh-auf-Frau“ mit einem „turbulenten Leben“, die „immer im Einsatz für andere“ gewesen sei: als Unterstützerin des Roten Kreuzes, Herausgeberin von Friedensschriften, Kriegsberichterstatterin, Vorkämpferin für die Rentenversicherung und eine der ersten Biographinnen Dunants.

    Von Wolfhalden nach Heiden

    Der von 30 kirchlichen und friedenspolitischen Organisationen aus der Ostschweiz und dem benachbarten Ausland organisierte Pilgerweg „Krieg und Flucht – Friedensweg im Appenzeller Vorderland“ führte von Walzenhausen über Wolfhalden nach Heiden.

    Lebensretter in der Botschaft

    Der St. Galler Pfarrer Walter Frei erinnerte in Walzenhausen an den Krankenpfleger Jakob Künzler aus Hundwil, der nach dem millionenfachen Völkermord der Türken an den Armeniern 1915 Tausenden armenischen Waisenkindern das Leben rettete. Frei würdigte zudem das Wirken von Carl Lutz aus Walzenhausen, der als Schweizer Vizekonsul in Budapest ohne Rückendeckung der Schweizer Regierung die grösste Rettungsaktion für Juden im Zweiten Weltkrieg organisierte:  Durch das Ausstellen von Pässen für Zehntausende Juden, was ihm später als Überschreitung seiner Kompetenzen vorgeworfen wurde. Lutz wurde erst Jahre später rehabilitiert.

    „Flüchtlinge unter uns“

    Beat Zumstein, Leiter des Durchgangszentrums für Asylsuchenden in Wienacht rief dazu auf, Flüchtlinge auch in der Gegenwart nicht alleine zu lassen. „Asylsuchende und Flüchtlinge haben oft ein grosses Bedürfnis, etwas zu leisten, etwas zurückzugeben“, sagte Zumstein. Der ganz grosse Teil von ihnen sei integrationswillig. Dazu müsse man aber auch auf sie zugehen. Das sei nicht einfach, aber auch nicht unmöglich, sagte Zumstein: „Machen Sie den Schritt auf Flüchtlinge unter uns zu!“

     

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