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    Warum das Brot an der Börse nichts verloren hat

    Tina Goethe von der Organisation Swissaid prangert vor der UBS-Filiale in Kreuzlingen die Folgen der Nahrungsmittelspekulation an.

    Tina Goethe von der Organisation Swissaid prangert vor der UBS-Filiale in Kreuzlingen die Folgen der Nahrungsmittelspekulation an.

    Vor der Filiale der Schweizer Grossbank UBS in Kreuzlingen spannt Tina Goethe vom Schweizer Hilfswerk Swissaid einen Bogen von der weltweiten Spekulation mit Nahrungsmitteln und Landwirtschaftsflächen zum Hunger von Millionen Menschen. Ihre Rede im Wortlaut.

    Von Tina Goethe

    Jedes Kind, jeder Mensch, der oder die heute an Hunger stirbt, wird ermordet. So hat es Jean Ziegler schon vor Jahren formuliert. Und der Satz stimmt immer noch. Denn es wird längst genug Nahrung weltweit produziert. Laut Statistiken der Welternährungsorganisation FAO sind es pro Kopf 4‘600 Kilokalorien. Notwendig wären durchschnittlich nur 2‘400 Kilokalorien. Das Problem ist, dass die Nahrung nicht denjenigen zur Verfügung steht, die sie am nötigsten brauchen. Freihandel und offene Märkte führen nicht zu einer gerechten Verteilung von Gütern. Im Gegenteil. Die Lebensmittel landen dort, wo am meisten Geld für sie bezahlt wird. Die Kaufkraft entscheidet, nicht die Bedürfnisse. Und heute hat jeder Hund und jede Hauskatze der wohlhabenden Gesellschaftsschichten in egal welchem Land mehr Kaufkraft als arme Frauen und Männer in Entwicklungsländern. Bettelarm oder steinreich, das äussert sich noch immer darin, ob und was ich zu essen habe.

    In kaum einem Bereich wird die weltweite Ungleichheit so deutlich, wie in der Ernährung. Während in den Industrieländern rund ein Drittel der Lebensmittel im Abfall landet, leiden noch immer 870 Millionen Menschen an Hunger und Mangelernährung. Ein Grossteil der Hungernden lebt auf dem Land, paradoxerweise dort, wo Lebensmittel produziert werden. Und die Mehrheit der Hungernden sind Frauen und Mädchen, paradoxerweise diejenigen, die weltweit noch immer die Hauptverantwortung dafür tragen, dass Tag für Tag etwas zu Essen auf den Tisch kommt. Gleichzeitig leiden 1.4 Milliarden Menschen an krankhaftem Übergewicht. Zunehmend sind das auch Menschen in Schwellenländern. Zum Beispiel in brasilianischen Slums, wo internationale Fastfoodketten neue Märkte entdeckt haben.

    2008 stiegen die Preise für Weizen, Mais und Reis auf dem Weltmarkt dramatisch an. Das löste eine Hungerkrise aus, die die Themen Landwirtschaft und Ernährung wieder auf die Agenda brachte. Denn diesmal war es nicht der stille Hunger auf dem Land, den die Politiker so gut ignorieren konnten. Die hohen Preise für Lebensmittel trafen neu auch die städtischen Mittelschichten, die armen Menschen in den Slums sowieso. Denn wer bis zu drei Viertel seines Haushaltsbudgets für Lebensmittel ausgeben muss, hat keinen Spielraum nach oben. Höhere Preise bedeuten dann ganz einfach weniger zu essen. Die wütenden Menschen in den Städten haben sich zur Wehr gesetzt. In Mosambik und Haiti haben ihre Proteste zum Sturz der damaligen Regierungen geführt. Zu einer besseren Versorgung mit Lebensmitteln hat das leider noch nicht geführt.

    Die Preise bewegen sich seitdem auf hohem Niveau, mit starken, kurzfristigen Schwankungen. Die Gründe dafür sind komplex. Immer deutlicher wird jedoch der Einfluss der Finanzmärkte, darunter Investitionsfonds und Banken wie die UBS. Seit dem Platzen der Immobilienblase in den USA haben die Anlagen in Rohstofffonds massiv zugenommen. 2003 waren 15 Milliarden Dollar in solchen Fonds angelegt, 2011 waren es 400 Milliarden. Rohstofffonds umfassen neben Erdöl und Metallen auch Agrarrohstoffe. Ein Anlagefond der UBS, der so genannte Dow-Jones-UBS-Commodity-Index, umfasste vor zwei Jahren einen Anteil von 30 Prozent Agrargütern. Konkret heisst das: mit dem Geld der UBS-Kundinnen und Kunden werden an den jeweiligen Börsen Verträge für den Kauf von zum Beispiel Weizen erworben.

    Ein solcher Vertrag legt den Kauf einer bestimmten Menge Weizen zu einem bestimmten Preis an einem bestimmten Datum in der Zukunft fest. An dem Weizen selbst sind die Anleger jedoch nicht interessiert. Denn weder die UBS-Berater noch ihre Kunden sind plötzlich zu Bäckern oder Müllerinnen geworden. Bevor ein solcher Vertrag wirklich eingelöst wird, wird er wieder verkauft. Es geht also lediglich darum, über den Kauf und Verkauf dieser Verträge von Preissteigerungen zu profitieren. Finanzspekulation nennt man das. Spekulation, die von dem Produkt Weizen komplett losgelöst ist. Das führt dazu, dass an der Börse bis zu 30mal so viel Weizen gehandelt wird, wie tatsächlich produziert wird und folglich zum Kauf angeboten werden kann. Dieses virtuelle Kasino beeinflusst auch den realen Markt und treibt die Preise in die Höhe. Denn was an der Börse für Weizen bzw. die bezahlt wird, dient auch Produzenten und Händlern als Orientierung.

    Wer jetzt hofft, von den hohen Preisen könnten endlich auch die kleinen und mittleren Bauern und Bäuerinnen profitieren, wird enttäuscht. Denn erstens sind auch viele Kleinbauernfamilien auf den Zukauf von Lebensmitteln angewiesen. Zweitens erschweren ihnen die Preisschwankungen eine gute Produktionsplanung. Sie verfügen über keine finanziellen Reserven, um diese Schwankungen aufzufangen. Und drittens sind auch die Preise für Dünger, Benzin und Saatgut gestiegen und erhöhen ihre Produktionskosten. Preisschwankungen sind gut für Spekulanten, Bäuerinnen und Konsumenten können dabei nur verlieren.

    Eine von den Schweizer Jungsozialisten lancierte Volksinitiative fordert den Stopp dieser Spekulation mit Nahrungsmitteln. Konkret sollen Investitionen in Finanzinstrumente verboten werden, die sich auf Agrarrohstoffe und Nahrungsmittel beziehen. SWISSAID unterstützt diese Initiative, denn das Brot gehört nicht an die Börse und in die Hände von Spekulanten.

    Die Finanzwelt hat jedoch nicht nur die Spekulation mit Agrarrohstoffen als lukratives Geschäft entdeckt. Internationale Firmen und Investoren haben auch Agrarland als Anlageobjekt entdeckt. Insbesondere dort, wo es billig und grossflächig zu haben ist. Landgrabbing, wie dieser Ausverkauf von Land genannt wird, findet vor allem in Afrika und einigen zentral- und südostasiatischen Ländern statt. Zwischen den Jahren 2000 und 2010 wurden über 200 Millionen Hektar Agrarland an ausländische Investoren verpachtet oder verkauft. Das entspricht acht Mal der Fläche Grossbritanniens. Mehr als die Hälfte davon in afrikanischen Ländern, in denen Hunger an der Tagesordnung ist. Die Landkäufe dienen entweder der reinen Spekulation. Dort, wo tatsächlich etwas produziert wird oder werden soll, sind das Agrargüter für den Export. Zum Beispiel Palmöl oder Zuckerrohr, um Agrotreibstoffe für europäische Autos herzustellen.

    Unter den ausländischen Investoren finden sich auch Vertreter von Regierungen, die ihre eigene Lehre aus der Hungerkrise 2008 gezogen haben. Ländern wie Saudi-Arabien zum Beispiel wurde bewusst, wie gefährlich es ist, für die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln gänzlich auf Importe angewiesen zu sein. Sie haben daher ihre Firmen losgeschickt, um Land in Äthiopien oder Mali zu pachten, um dort Weizen und Reis für den eigenen Markt anzubauen.

    Denn seit der Hungerkrise die Regierungen Angst vor Hungeraufständen, wie sie in Haiti, Ägypten oder Mosambik stattgefunden haben. Landwirtschaft ist wieder ganz oben auf der Agenda, nachdem sie in den letzten Jahrzehnten eher als lästiges Überbleibsel aus alten Zeiten empfunden wurde, das für eine moderne Wachstumsgesellschaft nichts hergibt. Das ist gut so. Lebensmittel müssen wieder dort produziert werden, wo sie gebraucht werden …

    Nur geben in den Debatten und Verhandlungen darüber, wie die Landwirtschaft und Ernährung heute und in Zukunft aussehen soll, die grossen Agrarkonzerne den Ton an. Denn die haben die letzten zwei Jahrzehnte, in denen Landwirtschaft als wenig sexy ignoriert worden war, für sich genutzt. Mehr oder weniger unbeachtet von der Öffentlichkeit haben Saatgut- und Agrarchemiekonzerne, Getreidehändler und Lebensmittelkonzerne den Weltmarkt unter sich aufgeteilt. Nur drei der grossen Agrarkonzerne – Monsanto, Syngenta und Du Pont – kontrollieren über 50 Prozent des kommerziellen Saatgutmarkts. Beim Getreidehandel teilen sich die Top vier 75 Prozent des Weltmarktes auf und in der Verarbeitung haben die zehn grössten Firmen schon knapp ein Drittel des Marktes unter Kontrolle. Nestlé liegt hier mit Abstand ganz vorne. Das heisst, das nur sehr wenige multinationale Firmen die Lebensmittelproduktion kontrollieren – die Grundlage unseres Überlebens.

    Es ist Zeit, sich diese Kontrolle zurück zu holen. Noch immer sind es die kleinbäuerlichen Betriebe, die einen Grossteil der Lebensmittel produzieren. Die meisten können jedoch davon nur sehr schlecht leben.

     

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