Rückblick 2011
"Fremde werden einheimisch"
Gegen Fremdenfeindlichkeit in Rorschach
Beim zweitgrössten Ostermarsch der Schweiz haben am Ostermontag 2011 rund 200 Menschen in Rorschach am Bodensee gegen Fremdenhass protestiert. „Der Reichtum der Schweiz ist die Vielfalt der Menschen“, sagte Paul Rechsteiner, Nationalrat und Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB) bei der Abschlusskundgebung in der evangelischen Kirche in Rorschach.
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Hunderte Friedensbewegte haben am Ostermontag in Rorschach am Friedensweg teilgenommen.
Beim zweitgrössten Ostermarsch der Schweiz haben am Ostermontag 2011 rund 200 Menschen in Rorschach am Bodensee gegen Fremdenhass protestiert. „Der Reichtum der Schweiz ist die Vielfalt der Menschen“, sagte Paul Rechsteiner, Nationalrat und Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds (SGB) bei der Abschlusskundgebung in der evangelischen Kirche in Rorschach.
„Auch die Schweiz war einmal ein armes Land, aus dem viele geflüchtet sind“, sagte Rechsteiner. „Wenn wir heute durch die Industrialisierung ein reiches Land geworden sind, haben die Migrantinnen und Migranten verschiedener Generationen sehr viel dazu beigetragen.“ Gerade Rorschach, mit einem Ausländeranteil von rund 45 Prozent und einer lebhaften Industriegeschichte, sei ein „sprechendes Beispiel dafür“.
Dennoch würden die Kräfte der Ausgrenzung in der Schweiz stärker, sagte der sozialdemokratische Politiker mit Blick auf die Minarett-Initiative. Zudem wachse die Gefahr, dass politische Entscheidungen immer stärker von Banken und Konzernen dominiert und die Steuergeschenke für die Reichen vielfältiger würden, kritisierte Rechsteiner. Für Rechsteiner ist dies Ausdruck einer „doppelten Demokratiekrise der Schweiz“.
Stimmrecht für Ausländer gefordert
In der am Nachmittag verabschiedeten „Rorschacher Erklärung“ forderten die Ostermarschierer unter anderem ein kantonales und kommunales Stimmrecht für Ausländer. Die Verweigerung des Stimmrechts sei eine „schwere Beeinträchtigung der Demokratie“, heisst es in der Erklärung. In der Stadt Rorschach sei derzeit beinahe die Hälfte der Einwohner vom Stimmrecht ausgeschlossen.
Zudem kritisierten die Ostermarschierer die immer wieder zu beobachtenden fremdenfeindliche Kampagnen in der Schweiz. Diese seien „Gift für die Integration“. Für Flüchtlinge in der Schweiz verlangt die „Rorschacher Erklärung“ bessere Versorgung. Das gegenwärtige System der Nothilfe sei menschenverachtend und gehöre abgeschafft.
Zu dem Ostermarsch unter dem Motto „Fremde werden einheimisch“ hatten Kirchen, Parteien und Friedensinitiativen aus der Schweiz, Deutschland und Österreich aufgerufen.
Rorschacher Erklärung: „Fremde werden einheimisch“
In der „Rorschacher Erklärung“ fordern die Teilnehmer des Friedenswegs 2011 ein Ende der Ausgrenzung von Fremden. Stattdessen müsse Rorschach die Heimat all seiner EinwohnerInnen sein. Politische Mitbestimmung inklusive. Die Erklärung im Wortlaut.
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Der Ostschweizer Friedensweg am Ostermontag, 25. April 2011, führte über hundert Menschen aus der näheren und weiteren Umgebung, auch aus dem benachbarten Ausland, einen Tag lang durch die Stadt Rorschach und an den See.
Informationen aus erster Hand beleuchteten das Thema «Fremde werden einheimisch». Rorschach hat eine lange Tradition des Zusammenlebens verschiedener Kulturen. Migrantinnen und Migranten aus fünfzig Nationen leben hier und machen über 45 Prozent und, wenn man auch die Eingebürgerten dazu zählt, wohl über 60 Prozent der Einwohner aus.
Stimme einer Migrantin, die seit Jahrzehnten hier wohnt: «Wenn ich in der Schweiz bin, habe ich Sehnsucht nach meiner Heimat Spanien, und wenn ich ein paar Wochen dort bin, sehne ich mich nach meiner Wahlheimat Schweiz. Als Migrantin habe ich dank meiner Bemühungen um Integration viel erreicht und bin glücklich. Integration ist ein Geben und Nehmen. Es braucht gegenseitigen Respekt und Bereitschaft, die andere Person mit ihrer Kultur zu akzeptieren. Integration ist nur über die Sprache möglich.»
Erklärtes Ziel muss es sein, die Stadt zur Heimat für alle ihre Bewohner/innen zu machen. Alle sollen geachtet sein und sich wohl fühlen, auch alle jene Gruppierungen, die in ihrem Zugang zu den Ressourcen benachteiligt sind. Das forderte 2003 ein vorbildliches Leitbild zum Zusammenleben in Rorschach, welches 120 Leute im Auftrag des Stadtrates erarbeitet haben. Die darin vorgeschlagenen Massnahmen verdienen es, konsequenter umgesetzt zu werden.
Auf dem Friedensweg konnten wir Einblick gewinnen werden in solche Beispiele:
- in das Pestalozzischulhaus, wo das Zusammenleben aller Kinder gefördert wird;
- in die multikulturelle Quartierarbeit im Wiesental in Rorschacherberg;
- in das ‚Projet Urbain’, mit dem eine Quartierentwicklung angestossen wird.
Wir erkannten, dass weitere Anstrengungen und Massnahmen nötig sind, zum Beispiel:
Das starke Potenzial der Migrationsvereine als Brückenbauer zwischen den Kulturen muss genutzt und gepflegt werden zur Verbesserung der Lebensqualität für alle.
Das Gemeinwesen lebt von der Anteilnahme aller. Dass beinahe die Hälfte der hier lebenden und arbeitenden Menschen vom Stimmrecht ausgeschlossen bleibt, ist eine schwere Beeinträchtigung der Demokratie. Nach dem Grundsatz «Wer Steuern zahlt, soll auch mitbestimmen können» ist anzustreben, dass alle, die seit fünf Jahren hier leben, das lokale und kantonale Stimmrecht erhalten – wie es in den Gemeinden Wald AR und Trogen bzw. in den Kantonen Neuenburg und Jura vorgelebt wird. Als Übergangslösung bietet sich ein Gremium zur Partizipation von Ausländer/innen an. Und auch wenn Rorschach die Einbürgerungen vorbildlich handhabt, sollten auf Bundesebene die gesetzlichen Grundlagen geschaffen werden, um eine schnellere und weniger beschwerliche Einbürgerung als Mittel zur Integration zu ermöglichen.
Am äussersten sozialen Rand stehen an vielen Orten in der Welt die Flüchtlinge, leider auch in der Schweiz. Sie hätten allerdings besonderen Schutz nötig, unabhängig davon, ob sie Asyl erhalten oder nicht. Flüchtlinge, die in Rorschach von der Nothilfe leben müssen, haben ein hartes Los gezogen. Anders als an vielen anderen Orten in der Ostschweiz wird ihnen über Nacht nur eine Pritsche in der unterirdischen Zivilschutzanlage zugewiesen und sie erhalten die mageren 8 Franken pro Tag eher mit Widerwillen. Hier besteht Handlungsbedarf – in Rorschach und schweizweit. Das menschenverachtende und die Menschenrechte verletztende System der Nothilfe gehört abgeschafft.
Das friedliche Zusammenleben wird immer wieder untergraben durch die Instrumentalisierung des ‚Ausländerproblems’ für politische Zwecke. Auch wenn die Nationalitäten oder Herkunftsregionen, die im Zentrum fremdenfeindlicher Kampagnen stehen, sehr schnell wechslen können, so bewirken diese doch eine generelle Verunsicherung unter den Zugewanderten und verbreiten eine unterschwellige Angst, hierzulande unwillkommen zu sein. Das ist aber Gift für die Integration. Unser heutiges Zusammenkommen in Rorschach setzt ein Zeichen gegen Ausgrenzung und Fremdenhass und für die vielfältige, mehrsprachige, interreligiöse und multikulturelle Schweiz.
Friedensweg am Ostermontag 2011
Der Friedensweg 2011 im Spiegel der Medien
Verschiedene Medien haben den Bodensee-Friedensweg 2011 mit ihrer Berichterstattung begleitet.
Auf dieser Seite finden Sie eine Auswahl der Berichte aus Zeitungen, Zeitschriften und von regionalen Radiostationen.
Bericht im St. Galler „Kirchenboten“
Bericht im „St. Galler Tagblatt“