Von verschiedenen Seiten wird kritisiert, dass in den Unterlagen des Bodensee-Friedenswegs keine explizite Stellungnahme zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu finden ist. Wir verstehen gut, dass viele Menschen hier eine klarere Position erwartet hätten und dass es irritierend wirken kann, wenn dazu in unseren Unterlagen nur wenig Konkretes zu lesen ist.
Vorab: Wir verurteilen das völkerrechtswidrige Vorgehen Russlands. Der Grundsatz der UN-Charta, dass Staaten auf die Androhung oder Anwendung von Gewalt gegen andere Staaten verzichten müssen, ist für uns nicht verhandelbar. Gleichzeitig hat die Ukraine nach Art. 51 der UN-Charta das Recht auf Selbstverteidigung. Unsere Solidarität gilt den Menschen, die angegriffen werden und allen, die unter dem Krieg leiden.
Warum steht das nicht deutlicher in den BFW-Unterlagen? Der Bodensee-Friedensweg setzt jedes Jahr einen Schwerpunkt. 2026 ist es Abrüstung und auch sich persönlich zu ‚ent-rüsten‘. Die Themensetzung ist nicht als Wegschauen gemeint. In den auf der Rückseite des Flyers ersichtlichen Forderungen stellen wir als Spurgruppe an erster Stelle klar, dass sich unser Einsatz am Schutz von Menschen und der Würde des Lebens orientiert und nicht Neutralität gegenüber Unrecht bedeutet. Wir schliessen dabei die Ukraine klar mit ein, aber wir wollen keinen bewaffneten Konflikt explizit priorisieren, sogar wenn er nahe vor der Haustür geschieht. Unsere Aufmerksamkeit gilt, wenn möglich, allen bewaffneten Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen auf der Welt. Denn das völkerrechtswidrige Unrecht ist weltweit Unrecht. Wenn teilnehmende Organisationen ihre Position und ihre Forderungen zu einem spezifischen bewaffneten Konflikt kundgeben möchten, können sie das selbstverständlich tun. Wie auf dem Flyer vermerkt, erwarten wir dabei von allen, dass dies ohne den Gebrauch von Nationalfahnen oder fremdenfeindlichen Parolen geschieht.
Zu anderen Standpunkten: Von anderen Seiten wird argumentiert, dass militärische Unterstützung notwendig sei, um das Völkerrecht wiederherzustellen und weitere Eskalation zu verhindern. Das ist eine Position, die viele Menschen aus nachvollziehbarer Sorge teilen. Doch als Spurgruppe des Friedenswegs sind wir keine staatliche Stelle und treffen keine militärpolitischen Entscheidungen. Was wir aber tun können, ist: auf Prinzipien bestehen (Völkerrecht, Schutz der Zivilbevölkerung, Menschenrechte) und Handlungsräume stärken, die Leben schützen, insbesondere dort, wo die Schweiz konkret beitragen kann: humanitäre Hilfe, Minenräumung, Wiederaufbau, Unterstützung von Geflüchteten. Die Schweiz engagiert sich z.B. in der humanitären Minenräumung in der Ukraine mit Know-how und finanziellen Mitteln. Das schützt Menschen unmittelbar und schafft Voraussetzungen für Rückkehr und Wiederaufbau.
Der Punkt «Dialog/Verhandlungen» ist dabei der heikelste. Und genau hier möchten wir präzisieren: Dialogbereitschaft heisst für uns nicht Verharmlosung, nicht «Nachgeben um des Friedens willen» und auch nicht der Verzicht auf Konsequenzen bei Kriegsverbrechen. Dialog heisst zunächst: Gesprächskanäle offenhalten, um Leid zu begrenzen (z.B. Gefangenenaustausch, humanitäre Korridore, Schutz von Zivilpersonen) und um überhaupt Wege aus der Gewaltspirale zu ermöglichen.
Als Zivilgesellschaft erleben wir zudem, wie schnell Debatten in Lager kippen. Die Polarisierung nimmt durch «Blasen» und Zuspitzung immer mehr zu. Was wir brauchen, ist: Widersprüche aushalten, Unsicherheit akzeptieren, ohne in Abwehr oder Aggression zu rutschen. Verständigung braucht nicht nur bessere Argumente, sondern «Räume» der Begegnung und einfache Gesprächsregeln wie: erst verstehen, dann antworten; Erfahrungen vor Meinungen; Wiederbegegnung statt Verweigerung. Genau solche Räume möchten wir mit dem Friedensweg stärken: nicht um Gewalt zu relativieren, sondern um Menschlichkeit, Zusammenhalt und den langen Atem für Friedensarbeit zu bewahren.
Gerade Ostern erinnert uns daran, dass Ohnmacht real ist, aber nicht das letzte Wort hat. Es ist ein Weg, der mit Enttäuschung und Angst beginnt, doch er endet damit, dass Menschen wieder aufstehen, sich destruktiven Regeln und Ordnungen widersetzen und beherzt handeln. Für uns heisst das heute: Klar bleiben gegenüber Unrecht und zugleich Schritte suchen, die Leben schützen und Zukunft möglich machen. «Ent-rüsten» heisst dabei auch, innere Verhärtung, Zynismus und Feindbildlogik nicht zum Massstab werden zu lassen, damit wir handlungsfähig bleiben.
Als Friedensweg wollen wir unserer Grundhaltung der Gewaltlosigkeit treu bleiben, um Brücken zu bauen, statt Gräben zu vertiefen.
Wir hoffen, euch am 06. April auf dem Bodensee-Friedensweg anzutreffen!